Die Bierhauptstadt Kulmbach

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Der Tresen im Mönchshof in Kulmbach. © 2011, Foto/BU: Dr. Ronald Keusch

Kulmbach, Deutschland (Gastrosofie). Zentrum der Biermetropole ist das Bayrische Brauereimuseum Kulmbach. Es residiert im altehrwürdigen Mönchshof-Bräuhaus. Das steht auf mittelalterlichem Klostergrund in einem historischen Gebäude der ehemaligen Kulmbacher Mönchshof-Brauerei.

Botschafterin der Bierkultur ist eine Frau

Gleich nebenan stellt ein Brauhaus Bier her und wird im Mönchshof Bier ausgeschenkt. Und alle diese Heiligtümer des Bieres regiert – eine Frau. Sigrid Daum ist Geschäftsführerin und uneingeschränkte Herrscherin dieser drei Bier-Institutionen. Sie ist erste Botschafterin für die Bierkultur und wird nicht müde, festzustellen, dass die Kulmbacher Region hier in Oberfranken (so wird der Norden Bayerns von den Einheimischen vorzugsweise genannt) weltweit die größte Dichte an Brauereien besitzt. Die kargen Böden erwiesen sich als günstig, um Braugerste anzubauen, neben Hopfen und Wasser ein Hauptelement für das echte Bierbrauen.

Eigentlich braucht es keinen Grund, um gutes Bier zu trinken. Aber in Oberfranken geht man auf Nummer sicher und hat diverse Anlässe geschaffen. Sigrid Daum: “Das Jahr startet am 5. Januar mit dem ‚Stark Antrinken‘. Nach der Legende reitet in den grauen Nächten zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar Wotan durch die Lüfte und da bringt man sich mit seinen Freunden in Sicherheit und trinkt sich Mut an und stärkt sich für das kommende Jahr.“ Dieses Stark Antrinken gibt es nur in Oberfranken, versichert Sigrid Daum und dann sind alle Wirtshäuser gestopft voll. Aber die Besucher von Kulmbach müssen sich keine Sorgen machen, etwas zu verpassen. Alle Jahreszeiten haben ihre Biere: zum Osterfest das dunkle Märzen-Bier, im Sommer das Gartenweizen, im Herbst das Erntedankbier und selbst zur Adventszeit läuft das Lebkuchen-Bier und dann Spezialbiere zum Feste-Reigen, Sonderbiere für Hochzeitspaare. “Bier ist ein Naturprodukt“, doziert Geschäftsführerin Daum. „Es schmeckt immer etwas anders. Gibt es dann von einer neuen Sorte einen Anstich, dann kommen die Stammgäste und testen das Bier.“ Danach dürfen natürlich auch die Touristen ran. Insgesamt brauen die Kulmbacher Brauereien insgesamt 40 unterschiedliche Biersorten im Jahr. Bleibt ein Tourist zehn Tage in Kulmbach, dann hat er die Chance, jeden Tag vier verschiedene Biersorten zu trinken – na dann Prost.

Übrigens widerspricht Sigrid Daum vehement der Vermutung, das das Thema Bier ausschließlich eine Männerdomäne sei. Sie habe oft erlebt, dass beim Besuch des Museums Frauengruppen sich einmütig nicht für das ebenfalls hier eingerichtete Bäcker- sondern für das Biermuseum entschieden haben. Das sei auch beim Besuch von Familien zu beobachten.

Seele des Bieres ist der Hopfen

Hier im Museum wird der Besucher über das seit dem Jahr 1516 aufgestellte Reinheitsgebot beim Bierbrauen aufgeklärt. Nur durch die Braukunst soll mit den Elementen Hopfen, Malz, Wasser und Hefe das Bier gebraucht werden. Zwar sind Biermischgetränke und auch alkoholfreie Biere im Vormarsch. Doch hier im Stammland des Biers besteht das Fazit darin, dass Alkohol ein Geschmacksträger sei und deshalb die schlichte Bier-Wahrheit lautet: „Ein Bier ohne oder mit wenig Alkohol kann einfach nicht schmecken!“ Und während aus gegebenem Anlass bei den Menschen immer wieder mal nach seiner Seele gesucht wird, ist die Sache beim Bier längst entschieden: die Seele des Bieres ist der Hopfen.

Übrigens ist im Museum eine etwa 3.000 Jahre alte Amphore ausgestellt, eine Grabbeigabe, in der Reste von Bierbrot und zum Haltbar machen beigelegte Eichelblätter gefunden wurden. Mit dem Wissen schmeckt das Bier noch etwas besser.

David trotzt Goliath in der Bierwelt

Kurt Tucholsky, der große Kenner deutscher Befindlichkeiten, wusste, dass die Revolutionen in Deutschland im Saal stattfinden. Hier in Kulmbach nahm sie sogar in einer traditionellen Kneipe des ansässigen Gymnasiums ihren Lauf. Die hier im Jahr 1992 versammelten jungen Absolventen von Hochschulen und Berufsanfänger redeten sich immer mehr in Rage. Der Adressat ihrer Kritik waren die vereinigten Kulmbacher Brauereien, die damals in industriellen Verfahren sehr stark nur auf eine Biersorte setzten, die Kritiker nannten sie „Industrie-Plärre“. Verbunden mit einer Wette wurde hier die Idee geboren, eine eigene Brauerei zu gründen. Am nächsten Tag wurde in der lokalen Zeitung in einem Einspalter dazu aufgerufen, sich an der Gründung einer Brauerei privat zu beteiligen. In kurzer Zeit meldeten sich 150 Interessenten. „Da wussten wir, dass unsere Idee von einer genossenschaftlichen Brauerei und dazugehörigem Wirtshaus eine reale Chance hat. Die Kommunbräu wurde geboren.“, erinnert sich Frank Stübinger. Er ist derzeit Pächter des Kommunbräu, einer realen Bierwirtschaft, die in einer ehemaligen Getreidemühle mit fränkischer Wirtshauskultur eingerichtet wurde. Heute hat die Kommunbräu insgesamt 470 Mitglieder mit finanziellen Anteilen. Im Jahr 1994 wurde hier das erste Bier ausgeschenkt, natürlich das Selbstgebraute. Den Kampf gegen das Monopol des Einheitsbieres haben die Brauer, Wirtsleute und Gäste längst gewonnen. Die vereinigte Kulmbacher Brauerei musste sich auf seine Qualität des Brauens und auf seine vielfältigen Biersorten „zurück besinnen“. Da die Kommunbräu nur die winzige Menge von 1200 bis 1400 Hektoliter im Jahr verkauft, ist ein kollegiales Nebeneinander mit der Kulmbacher Brauerei, seinen vier Marken und seiner mehr als viertausendfach größeren Produktion durchaus möglich.

Was unter Bierkultur zu verstehen ist, versucht der Tourist zu begreifen, wenn er die Karte mit den Feiertagen der Kommunbräu des Jahres 2011 in der Hand hält. Jeden Monat wird eine andere Biersorte gebraut, es gibt also insgesamt 12 Biere des Monats, zum Beispiel im Mai das Deflorator, im Juni das Sommerbier, im Juli das Kerfestbier, im August das Sommerweizen und so weiter bis zum Dezember mit dem Bockbier Delirium.

Und der Besucher lernt, dass hier ein nicht gefiltertes Bier hergestellt wird, abgefüllt in ein Liter Flaschen und etwa drei Wochen haltbar. Zum Vergleich: Ein Kasten Becks Bier kann dank chemischer Zusätze18 Monate lang im Keller stehen. Eine besondere fränkische Tradition ist das „Rauchbier“. Es besitzt einen rauchigen Geschmack, so als ob ein geräucherter Schinken ins Bier gehängt wurde. Soviel Bier macht hungrig. „Bei uns gibt es auch noch Rezepte der Oma aus Franken“, schwärmt Frank Stübinger und stellt für seine Familie fest: „Wir sind zur Gastronomie gekommen, weil wir gerne Gastgeber sind und auch gerne kochen.“

„Dann muss man immer wieder Nachtrinken”¦“

Wer in der Stadt Kulmbach immer noch nicht ausreichend Biersorten gekostet hat, dem bietet die Region um Kulmbach ausreichend Gelegenheit. So gibt es in Weißenbrunn bei Kronach die seit 1514 in Familienbesitz befindliche Gampert-Brauerei mit einer Produktion von 100.000 Hektoliter Bier. Hier empfängt Braumeister Heinz Krause die Touristen und erklärt das Bierbrauen, aber „nicht bierernst“, wie er betont. Dann wird ausgiebig Bier verkostet. „Da merkt jeder bei unseren Bieren im Geschmack das angenehme Bittere, das schnell verfliegt. Dann muss man immer wieder Nachtrinken und das kann sich dann bis Mitternacht hinziehen”¦“ Schließlich erhält jeder auch sein Biermeister-Diplom.

Ein paar Dutzend Kilometer weiter in der Nähe von Bayreuth kann der Besucher bei der Brauerei Schnupp mit eigenem Gasthof in Neudrossendorf auch etwas übers Bierbrauen erfahren. Wer hier zuviel verkostet, hat die Chance, sich in eines der traditionellen Gästezimmer einzuquartieren. Ausnahmezeit sind die jährlichen Wagnerfestspiele in Bayreuth, da flüchten viele Opern- Gäste hierher, übernachten im Brauereigasthof und alles ist ausgebucht.

Allen denen, die richtig auf den Biergeschmack gekommen sind, empfehlen die Tourismus-Unternehmen die Bier- und Burgenstraße. Sie führt von Bad Frankenhausen nahe der Unstrut bis nach Passau an der Donau.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Dr. Ronald Keusch wurde am 22. Mai 2011 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.