Im Solar schmilzt jede Edelfeder – Dinner über den Dächern von Berlin

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Das Solar Berlin bietet beeindruckende Aussichten über den Tellerrand hinaus auf Berlin. © Farbrausch GmbH

Berlin, Deutschland (Gastrosofie). Der Gastrosof versucht im Allgemeinen, Speis und Trank in einer Welt der Ware und des Spektakels zu verstehen, zu erklären und zu verändern, wenn es denn Not tut. Ein wahrer, schöner und guter Gastrosof ist also immer kritisch oder er isst nicht. Vor allem schwingt er sich auf wie Ikarus, um frei zu sein wie ein Vogel, doch die Beletage der Kulinarik ist unser besonderer Ort, eine Etage über den Dächern von Berlin eine gern gesehene Ausnahme.

Allerdings überwinden wir mitunter Höhenangst und andere Hürden und reisen stehend in Außenfahrstühlen hinauf in oberste Stockwerke, genauer gesagt: in die 16. Etage.

Speis im Solar Berlin im September 2018.
Was mit Lacks im Solar Berlin. © 2018, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Über den Dächer von Berlin befindet sich das Solar, das mehr noch als der verglaste Fahrstuhl in einem Innenhof unweit des Anhalter Bahnhofs eine gute Um- und Weitsicht auf die Metropole an Panke, Spree und Havel bietet.

Was das Solar Berlin ganz genau ist, das ist schwer zu sagen, denn neben Essen und Trinken im Restaurant, an der Bar und in der Lounge kann König Kunde über den Dächern Berlins richtig locker rauchen: im Stehen, im Sitzen und im Liegen. Zudem fährt ein DJ mitsamt seiner Anlage zur Nacht eine Etage hoch, wo getanzt werden kann, während die Tänzer unten essen können und die Musik immer noch hören. Das Solar Berlin steht zudem für Kulinarik, klar, aber auch für Kunst und Klub, bei dem das Sehen und Gesehenwerden nicht weniger zählt als Speis und Trank.

Speis im Solar Berlin im September 2018.
Köstliches Kalb im Solar Berlin. © 2018, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Der Speisesaal ist ein von Schnickschnack und Tand reduzierten Speisesaal, bei dem es auf den Ausblick ankommt. Immerhin bietet das Solar Berlin ein prächtiges 270-Grad-Panorama und dazu Blicke auf ein Menue, das Gaumen Freude macht und 79 Euro für die Geldbörse bedeutet.

Vor der Ouvertüre ein Gruß aus der Küche, in dem Jon Direktor sei. Mit Nachnamen heißt der Mann Kremin, aber Vornamen sollen im Solar reichen. Onsen-Ei, genauer gesagt grüßt das Gelbe vom Ei einer Wachtel. Gut, wenn der Dotter eine Dreiviertelstunde bei 64,5 Grad gart. Und weiter mit „Label Rouge Lachs“. Der Lachs wird von unserem Kellner, der sich als Roger vorstellt, mit Erbse und Senf gereicht. Im Solar ist das Du beim Dinner gang und gäbe. Dazu trinken wir einen Chardonnay vom Weingut Hess aus dem Weinanbaugebiet Rheinhessen.

Speis im Solar Berlin im September 2018.
Toller Tafelspitz im Solar Berlin. © 2018, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Munter machen wir mit „Kalb und Imperial Kaviar“ weiter. Die die eine oder andere konfierte Kartoffelscheibe, Samen von Raps und – wie wir meinen – Mayo mit Schnittlauch. Schön anzusehen und schmackhaft.

Auf das köstliche Kalb folgt ein leckeres Lamm, ja doch, nur ein kleines Stückchen davon, und zwar eines, das in eigener Haut gebraten wurde. „Lamm mit tasmanischem Pfeffer“ nennt sich dieser Hauptgang, zu dem es auch Kohlrabi gibt. Der Bergpfeffer vom anderen Ende der Welt gibt dem Gericht in der 16. Etage eine feine, intensive Schärfe. Dazu riecht es nach Dill, der mild, leicht kümmelig schmeckt. Ja, das ist gewagt, aber gekonnt.

Nun reicht Roger „Rosa US-Tafelspitz“. Der Spitz bellt und beißt nicht, er wedelt auch nicht mit dem Schwanz. Das Stück aus der Hüfte eines Rindes, an das beim Braten Macadamia-Nussbutter gekommen sein soll, die wir auch auf dem Teller finden wie Weiße Bete, wird von einer Sauce mit einem längst vergessenen Kraut namens Portulak umkränzt. Der köstliche Gang kommt gut durch den Gaumen wie der Rote aus der Bodega Otto Bestué, der rasant die Röhre runter rinnt.

Speis im Solar Berlin im September 2018.
Dessert im Solar Berlin. © 2018, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Und schon wieder ein Gruß aus der Küche. Eine Art Kaltschale oder Quittensuppe mit gefrorenen Koreanderbällchen, die auf der Zunge schmelzen wie das Federkleid des Ikarus im Höhenflug und wir Edelfedern bei so viel Guten, das uns über den Dächer von Berlin serviert wird. Gruß zurück an Jon Kremin und seine Kollegen, die einer jungen und kreative, freche und frischen Küche auf der 16. Etage und auf der Höhe der Zeit kreieren. Wir erheben unser Glas Mouton Cadet Réserve, einem Dessertwein von Baron Philippe de Rothschild, auf das Wohl der Helden am Herd.

„Kürbis mit Amaretto“ beziehungsweise Kürbisküchlein, in Amaretto eingelegte Birnen und Feigensorbet bilden mit einer Kaffeespezialität sowie einem süßen Banyuls Grenache Noir am quadratischen Tisch in einer Ecke des Restaurants den runden Abschluss eines langen Abends im Restaurant Solar.

Speis im Solar Berlin im September 2018.
Dessert im Solar Berlin. © 2018, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Und zum Abschluss: Noch ein Gruß aus der Küche. Hören die köstlichen Höhenflüge denn gar nicht auf?

Darauf einen Digestif!

Wem das alles noch nicht genug ist, der geht eine Etage rauf: trinken und tanzen bis weit nach Mitternacht, aber nicht solange, dass über dem Solar die Sonne aufgeht.

Mit einem fröhlichen „‚S gibt gut Wetter, ’s ist alles aufgegessen“ verabschieden wir uns und fahren Fahrstuhl abwärts.

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Solar Berlin Sky Lounge & Restaurant

Stresemannstraße 76, 10963 Berlin

Kontakt: Telefon: +49 (0) 163 7652700, E-Mail: info@solarberlin.com

Öffnungszeiten: sonntags bis donnerstags von 18 Uhr bis 2 Uhr, freitags und samstags von 18 Uhr bis 3 Uhr